Ein Wochenende in Rikuzentakata

Verfasst von Jennifer Weiss

Die Küstenregion Nordostjapans — seit dem 11. März 2011 zwar tragischer Weise international bekannt, aber definitiv kein Ort bei dem man als Europäer an Urlaub denkt. Die Stadt Rikuzentakata in der Präfektur Iwate hat es damals besonders schwer getroffen. Direkt an der Küste gelegen, zerstörte der riesige Tsunami die komplette Innenstadt und Stadtteile bis weit ins Landesinnere. Heute lebt niemand in der Stadt der nicht mindestens eine Person verloren hat, die ihm nahestand. Tatsächlich war Rikuzentakata aber vor dem Tohoku-Erdbeben 2011 ein beliebter Urlaubsort, besonders für Japaner. Weiße Sandstrände, der riesige Takata-Matsubara Pinienwald direkt an der Küste — von dem nach dem Tsunami nur noch ein Baum stehengeblieben war — und die umliegenden Berge boten Urlaubern wie auch Ansässigen Erholung und Spaß. Auch kulinarisch hatte Rikuzentakata einiges zu bieten, von frischem Obst über hervorragenden Tee bis hin zu köstlichen Muscheln und Austern.

Gedenkstein in Rikuzentakata
Gedenkstein in der Nähe des ehemaligen Tapic 45. Die Höhe des Tsunami erreichte die Oberseite des roten Schildes im Hintergrund

Das alles war von der Katastrophe ausgelöscht worden. Wenn man aber darüber liest oder Bilder von der Zerstörung sieht, begreift man noch immer nicht wirklich das Ausmaß dessen, was dort passiert ist. Als Japanologin, die sich seit 2007 intensiv mit Japan und seiner Gesellschaft beschäftigt, liegen mir Land und Leute sehr am Herzen. 4 Jahre nach dem Unglück, im August 2015, entschloss ich mich während eines halbjährigen Japanaufenthaltes für ein Wochenende nach Rikuzentakata zu fahren, um den Wiederaufbau mit eigenen Augen zu sehen und herauszufinden wie ich der Stadt helfen kann — sei es auch nur durch meinen Aufenthalt als Tourist. Zu der Zeit lebte ich in Tokyo und meine Mutter war gerade für ein paar Wochen zu Besuch. Eine Stadt zu sehen, in der keine Häuser stehen, in der nur ein paar wichtige Straßen verlaufen, fühlte sich irreal an. Dennoch stand ich wahrhaftig an dem Ort, an dem vor 4 Jahren sowohl das Erdbeben als auch der Tsunami wüteten und alles mit sich rissen. Geweint habe ich erst einige Monate später als ich wieder in Deutschland war. Der Schock saß zu tief.

Pension Fukuda in Rikuzentakata
Die Pension Fukuda überblickt Rikuzentakata von weit oben

Eine schöne Geschichte ist mir dort dennoch wiederfahren, dich ich gerne mit Ihnen teilen möchte. Sie beginnt mit meiner Suche nach einer Unterkunft. Eine Bleibe in Rikuzentakata zu finden war gar nicht so einfach. Im Umland finden sich ein paar Onsen-Hotels und Gasthäuser, die aber entweder ausgebucht waren oder außerhalb unseres Budgets lagen. Nach weiterem Stöbern im Internet fand ich die Pension Fukuda, ein ganz neues Gasthaus in einem etwas höhergelegenen Teil der Stadt. Es gab keine Möglichkeit online zu buchen, also rief ich im Gasthaus an und sprach mit Frau Yoshida, einer älteren Dame, auf Japanisch. Sie war ganz begeistert davon, auf Japanisch mit mir sprechen zu können, als es aber darum ging, meinen Namen für die Reservierung zu buchstabieren, verzweifelte Sie am unbekannten römischen Alphabet (in Japan schreibt man mit Silbenzeichen — hiragana und katakana — und Wortzeichen — kanji). „Ach, ich erkenne dich dann schon!“ meinte sie und reservierte meiner Mutter und mir ein Zweibettzimmer.

Frau Yoshida leitet die Pension Fukuda in Rikuzentakata
Frau Yoshida und ich im Aufenthaltsraum ihrer Pension

Als meine Mutter und ich bei der Pension Fukuda ankamen wurden wir äußerst herzlich von Frau Yoshida empfangen. Sie leitet die Pension ganz allein und nannte sich immer wieder eine „gefälschte Gastwirtin“ (偽おかみさん). Das wunderte mich schon sehr, aber im Laufe einiger Gespräche erfuhren wir, dass die Pension ursprünglich vom Mann ihrer Schwester gebaut worden war, Herrn Fukuda. Dieser verstarb aber im Tsunami und seine Frau war danach einfach zu geschädigt, um das neue Gasthaus zu übernehmen. Frau Yoshida selbst verlor ihre Bleibe in der Katastrophe, da schlug ihre Schwester ihr vor, dass sie doch die Pension leiten könne. Und so begann sie mit 68 Jahren eine neue Karriere als Wirtin, ein Beruf, den sie nie erlernt hat. Wenn sie uns diese Geschichte nicht erzählt hätte, hätten wir das aber nie gemerkt. Das gesamte Haus war blitzeblank und ihr japanisches Frühstück schmeckte hervorragend!

Japanisches Frühstück in der Pension Fukuda in Rikuzentakata
Frau Yoshidas köstliches japanisches Frühstück

Rikuzentakata ist auf dem Weg, sich zu erneuern und bietet einige tolle Erfahrungen, bei denen man auch mit Ansässigen in Kontakt kommt. Außerdem ist das Umland noch immer wunderschön und auf jeden Fall einen Besuch wert!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s